[Vergessen vs Merken]

 

Vergessen wirkt im Gehirn wie eine Schutzfunktion vor Überbelastungen.

Ob das gut ist?

Ist es nicht so, dass wir oft glauben, genau jenes vergessen zu haben, das wir uns um jeden Preis merken wollten.

Die Frage die sich mir da stellt, ist, wer oder was schützt uns davor, die richtigen Dinge und Sachverhalte, nicht zu vergessen und eben jene, die in unserem Magen und Herz, schwer verdaulich und schwermütig anhaften, dem Vergessen freigeben könnten.

Ich möchte den Schritt zurückgehen, der dem Vergessen vorangeht. Mich dem Merken zuwenden.

Was schützt mich vor dem ungefragten Merken, dem ich ständig, zwischen zwei Wimpern Schlägen, ausgesetzt bin.

Wenn ich meine Merk Prozesse steuern könnte, bräuchte ich wohl auch keine Schutzfunktion, die meine Gehirnwindungen sauber halten würden.

In so manchen Behausungen steht der Frühjahrsputz – mit Kübeln, Staubtüchern und Glasreinigern, schon in den Startlöchern.

Analog zum Reinigen unserer Wohn- und Schlafräume – dem Reinigen des materiellen Rahmens unseres Ichs, sofern wir nicht zu jenen Menschen gehören, deren (eigene) vier Wände, die äußeren Fassaden unserer vier Wände darstellen, dann wäre es wohl auch angebracht, unser oberstes Stübchen zu entrümpeln.

Raum schaffen, für neue Erfahrungen, die in Zukunft, als merkbar und qualifiziert eingestuft werden würden.

Gestern war Valentinstag.

Ich habe ihn vergessen wollen, weil…

Ich wollte ihn mir nicht merken, weil…

Beides hat nicht funktioniert.

Mein Gehirn hat also vergessen zu vergessen, und mich so gesehen nicht beschützt. Es ließ mich ungefragt be-merken, dass dieser Tag ansteht.

Wie hätte ich mich vor diesem Be-merken, diesem Er-innern schützen können?

Wie könnte ich das Merken, das zwischen zwei Wimpern Schlägen von Statten geht, brach legen.

In dem ich eine Augenbinde trage?

Dass ich mich so von visuellen Reizen separieren könnte.

Es war ein schlichtes, wohl auch pointiertes Posting, dass ich be-merkte und deswegen daran er-innert wurde…

Hätte ich frühmorgens eine Augenbinde getragen, hätte ich es wohl nicht be-merkt -wäre un-erinnert geblieben und der Merk-wahnsinn, der durch dieses Be-merken und dem daraus resultierenden Er-innern Ausgelöst worden ist, wäre mir erspart geblieben.

Ist es so einfach?

Vermutlich nicht.

Hindert es mich daran, trotzdem diesen Weg zu gehen?

Nein!

Ginge ich davon aus, dass das Merken durch bemerken – durch dem Erkennen von Visuellen erfolgt, wäre ich auf der sicheren Seite, wenn meine Wimpern im Finstern schlagen würden.

Sie bewegen sich also auch dann, wenn es nichts zu merken gibt.

Natürlich tun sie das!

Ich denke ja auch nicht mit den feinen Muskelzuckungen, meiner behaarten Lider.

Aber wie ist es mit den Augen?

Denke ich auch mit meinen Augen?

Anders gefragt:

Brauche ich meine Augen zum Merken?

Um hier jegliches Missverständnis auszuräumen:

Dies ist nur ein absurder Versuch, der sich mit der Möglichkeit des Nicht-sehens, um sich nicht ständig und alles Merken zu müssen, auseinandersetzt.

Zwei Zitate:

„Erinnern heißt vergessen“

und

„Ich kann mir nicht merken, Dich zu ver

gessen“

(aus dem Film „Memento“)

 

©hristof/vergessen.vs.merken/2o19